Kim Jong-un porträtiert vom französischen Künstler Denis Tcheskiss

 

 

Realpolitiker Marschall Kim

Peter G. Achten / 13. Sep 2016 -

Mit einem Atomknall demonstriert Kim Jong-un – zumal den Grossmächten China und USA – die nordkoreanische Version von Realpolitik.

 

Schon Staatsgründer Kim Il-sung scherte sich einen Deut um die Befindlichkeit seiner sowjetischen Ziehväter, wenn er der Ansicht war, es gehe um die Interessen der Demokratischen Volksrepublik Korea. Ebenso lässt Enkel Jong-un den letzten Verbündeten China links liegen.

Der «Präsident bis in alle Ewigkeit» hinterliess nach seinem Tod 1994 seinem Sohn, dem «geliebten Führer» Kim Jong-il, diese für Nordkorea erfolgreiche Strategie der Realpolitik. In Verhandlungen mit den Grossmächten in Ost und West versprach er alles, hielt nichts und bekam dafür Zugeständnisse. 2006 liess er zum Erstaunen der Weltöffentlichkeit die erste unterirdische Atombombe testen. Es hagelte Proteste aus den USA, Japan, Südkorea, ja gar aus China. Peking rief händeringend zur Fortsetzung der 2003 begonnen Pekinger Sechser-Gespräche und zur Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel auf. Nur Gespräche könnten das Problem lösen und keinesfalls Provokationen – von welcher Seite auch immer. Das nordkoreanische Atomprogramm sollte in Peking diplomatisch entschärft werden. Kim Jong-il versprach erneut alles, hielt nichts und liess es 2009 nochmals krachen.

 

Kim Jong-un droht den USA mit «Feuersturm»

 

Nach dem Tod von Kim Jong-il 2011 setzte der knapp 30-jährige Sohn Kim Jong-un die Atompolitik ungerührt fort. Nordkorea, liess Kim die Welt wissen, fühle sich von den atomar bewaffneten «amerikanischen Imperialisten» und deren «südkoreanischen Marionetten» bedroht. Nordkoreas Propaganda drohte wiederholt, Südkoreas Hauptstadt Seoul «in Schutt und Asche zu bomben». Auch Teile der USA wollte der nordkoreanische «junge General» in einem «Feuersturm» vernichten.

Den Worten folgten Test-Taten. 2013 liess Kim auf dem Testgelände Pyunggye-Ri eine A-Bombe zünden, nur 100 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt. Zwei weitere Bomben-Tests folgten im laufenden Jahr im Januar und im September. Parallel dazu wurden unzählige Raketen getestet.

Nordkorea bezeichnet sich als Atomstaat. Ob das wirklich zutrifft, darüber streiten die Experten. Fraglich ist vor allem, ob Nordkoreas Raketentechnik bereits so ausgereift ist, dass Atomsprengköpfe über weite Distanzen präzise ins Ziel gebracht werden könnten.

 

«Wahnsinnige Rücksichtslosigkeit»

 

Die internationale Gemeinschaft reagierte wie immer empört auf den jüngsten Atomtest. US-Präsident Obama warnte vor «ernsthaften Konsequenzen», Südkoreas Präsidentin Park Geun-Hye bezichtigte Kim Jong-un einer «wahnsinnigen Rücksichtslosigkeit», Japans Premier Shinzo Abe sagte, «solche Tests können nicht toleriert werden», und Chinas Aussenministerium teilte mit, dass trotz breitem internationalen Widerspruch erneut ein Atomtest ausgeführt worden sei – «die chinesische Regierung lehnt dies entschieden ab.»

Der UNO-Sicherheitsrat wird wohl bald neue, noch schärfere Sanktionen verhängen. Doch Nordkorea wird sich, wie die jüngste Vergangenheit zeigt, davon nicht beeindrucken lassen. Es geht um Machterhalt – notfalls gegen das eigene Volk. Die erfolgreiche Strategie gegenüber Grossmächten von Grossvater Kim il-sung dient als Leitplanke. Andrerseits sind China, die USA, Südkorea und Japan aus vielfältigen Gründen am Status Quo interessiert – allerdings ohne Atomwaffen. Eine politische Implosion auf der nordkoreanischen Halbinsel ist für die meisten ein Horror-Szenario. Das Ziel Pjöngjangs sind allenfalls direkte Gespräche, vor allem mit den USA.

 

Groteske Auftritte

 

Marschall Kim wird in den westlichen Medien gerne als unberechenbarer

Spinner dargestellt. Seine Vorliebe für luxuriöses Leben, seine Leibesfülle, der ausgefallene Haarschnitt, seine grotesken Auftritte und rüden Propaganda-Worte unterstreichen dieses Bild. Der junge Kim Jong-un hat sich jedoch seit seinem Machtantritt vor viereinhalb Jahren – bei Lichte besehen – als hart und rational kalkulierender Politiker profiliert. Auch innenpolitisch.

Kim und seine Getreuen haben klammheimlich und inoffiziell Märkte aller Art zugelassen, um die prekäre Wirtschaftslage und den Nahrungsmittelmangel zu lindern. So ist eine gut funktionierende Schattenwirtschaft entstanden. Der Schmuggel über die Grenze zu China am Yalu-Fluss blüht. Mit Geld lässt sich in Nordkorea heute fast alles kaufen – ausser Freiheit. Nordkorea ist auch nicht mehr hermetisch nach Aussen abgeschottet wie noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Die Chinesisch-Nordkoreanische Grenze ist des Schmuggels wegen porös. Südkoreanische Soap-Opera-Stars sollen mittlerweile im Norden so berühmt sein wie im Süden, dank geschmuggelter DVDs.

 

Internet nur für die Elite

 

In der Demokratischen Volksrepublik gibt es mittlerweile auch ein Handy- Netz. Über 3 Millionen der 24 Millionen Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner besitzen heute ein Mobiltelefon, allerdings können sie damit nur innerhalb des Landes kommunizieren. Aber immerhin. Viele Schmuggler wiederum besitzen chinesische Handys, mit denen sie international verbunden sind und sogar Zugriff aufs Internet haben. Eine Rarität in Nordkorea. Bislang kann nur die Elite von den Vorteilen des digitalisierten Lebens und vom World Wide Web profitieren. Mit andern Worten: Die Propaganda kann heute dem nordkoreanischen Volke nicht mehr wie vor zehn Jahren weismachen, die Nachbarn in Südkorea würden in tiefer Armut leben.

 

Ein Hauch von Öffnung

 

Am Rande sei noch vermerkt, dass am Tag vor dem neuesten Atomkracher die renommierte französische Nachrichten-Agentur Agence

France Press AFP ein Büro in Pjöngjang eröffnen durfte. Dank Kim Jong- un sind nun mit AFP, der amerikanischen Associated Press AP sowie der japanischen Agentur Kyodo und der chinesischen Agentur Neues China (Xinhua) vier ausländische Nachrichtendienste in der stalinistisch- konfuzianischen Demokratischen Volksrepublik Korea tätig. Natürlich werden die Journalisten, darunter auch einige nordkoreanische, die sich in Hongkong weitergebildet haben, streng überwacht. Das ist noch keine Öffnung, keine Pressefreiheit. Trotzdem, ein ganz klein weniger offener als auch schon.

Damit hat es sich aber vorläufig. Was hinter den Kulissen vor sich geht, bleibt weiter im Dunkeln. Sitzt Kim Jong-un fest im Sattel? Ist der Atomtest ein Zeichen der Stärke oder Schwäche? Ist Nordkorea bereits ein Atomstaat? Wie viele politische Gefangene gibt es? Fragen über Fragen. Nordkorea-Experten bleibt deshalb nichts anderes übrig, als wie schon bei Grossvater Kim Il-sung und Vater Kim Jong-il auch bei Kim Jon- un in den grünen Teeblätter zu lesen.

 

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

 

Keine. Peter Achten arbeitet seit Jahrzehnten als Journalist in China.

 

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